Manchmal, wenn ich weinerlich oder reizbar bin, ertappe ich mich dabei, wie ich mich selbst darüber ärgere, vor allem wenn ich denke, in letzter Zeit vieles „richtig“ gemacht zu haben: Gute Ernährung, ausreichend Bewegung, Ruhezeiten, bewusster Genuss, kurz rundum gelungene Selbstfürsorge. Und dann bringt mich eine Kleinigkeit aus dem Gleichgewicht? Was soll der Mist, das macht mich sauer! Das ist zumindest mein erster Impuls, den ich immer noch nicht ganz abschalten kann. Aber ich habe ihn als das erkannt, was er ist: völliger Unsinn.

Wenn die Laune ohnehin schon auf dem Tiefpunkt ist und ich wahlweise stundenlang heulen oder allen möglichen Kram an die Wand werfen könnte, weil mir mein Kaffeelöffel runtergefallen ist, geht es mir nicht besser, wenn ich mich zusätzlich damit stresse, die Ungerechtigkeit des Lebens zu verfluchten, weil meine Bemühungen nicht den erhoffen Erfolg bringen.

Daher habe ich mir angewöhnt, diese Gedanken zwar wahrzunehmen, aber nicht drauf einzusteigen, sondern mich selbst daran zu erinnern, dass ich keine Maschine bin und auch kein Kuchen. Man nehme 213 Gramm Entspannung, 137 Gramm Sport und 319 Gramm gesundes Essen und fertig ist der gelassene, stets mit einem Lächeln durch die Welt schreitende Mensch. Nein, so funktioniert das nicht.

Ich weiß, wie es ist, aber nicht, wie es anders wäre

Es ist falsch zu glauben, es wäre umsonst gewesen, mich gut um mich zu kümmern, nur weil ich ab und an dennoch aus dem inneren Gleichgewicht gerate. Meine derzeitige Gemütslage ist nur eine Momentaufnahme. Wenn es mir nicht gut geht, neige ich dazu, die aktuelle Stimmung mit besseren Tagen zu vergleichen. Dann sieht es natürlich düster aus.

Dabei geht es mir heute so viel besser wie noch vor einigen Jahren. Es gibt sie noch, die dunklen Phasen und manchmal habe ich Angst, wieder tief in die Depression zu rutschen, aber ich habe insgesamt viel mehr gute als schlechte Tage, das Tal der Tränen ist nicht mehr so tief, die dunklen Berge drumherum sind nicht mehr so hoch und ich durchschreite es schneller und mit festerem Schritt. Das ist ein enormer Fortschritt, auf den ich stolz sein kann.

Ich habe mir Hilfe gesucht, als ich ohne sie nicht mehr auskam, aber auch gelernt, mich bildlich gesprochen wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Hätte ich nicht daran gearbeitet, mehr auf mich zu achten und gut zu mir zu sein, ginge es mir heute gewiss viel schlechter.
Die meiste Zeit über bin ich mit mir und meinem Leben zufrieden, das ist toll! Und was die anderen Tage angeht: Sie gehören dazu. Ohne sie wüsste ich vielleicht irgendwann gar nicht mehr zu schätzen, wie gut es mir im Großen und Ganzen geht.

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