Viele Menschen scheinen heutzutage ganz wild darauf zu sein, alles zu beziffern. Wie glücklich bist Du auf einer Skala von 1-10? Wie gestresst? Wie entspannt? Wie fit? Kaum etwas, für das es nicht irgendeine Zahl gibt, die man mit anderen Werten vergleichen und in Statistiken und Diagramme packen kann. Viele Waagen zeigen heute nicht mehr nur das Gewicht, sie entwickeln sich immer mehr zu Körperkontrollinstrumenten, die das Körperfett messen, den BMI berechnen und teils noch eine Reihe anderer Kennzahlen liefern.

Aber wozu eigentlich? Versteh mich bitte nicht falsch, es gibt sicher Situationen, in denen es sinnvoll ist, manche Werte im Blick zu behalten. Aber oft sind die Käufer normalgewichtig, gesund und fit. Wenn sie der regelmäßige Blick auf die eigene Körperstatistik zufrieden macht oder gar motiviert, ist dagegen nichts einzuwenden. Aber wie allgemein bei allen Formen der Selbstoptimierung besteht auch hier die Gefahr, zu sehr in ein Streben nach Perfektion hineinzurutschen, das die Stimmung eher senkt als anhebt. 

Weniger auf Zahlen schauen, mehr auf das Körpergefühl hören

Damit habe ich die besten Erfahrungen gemacht. Ein großer Fan von Statistiken und permanenter Selbstüberwachung war ich nie, mit einer Ausnahme: Dem regelmäßigen Gang auf die Waage. Vielleicht schlummert da noch das ehemalige Moppelchen in mir. Als Kind war ich eher dick und als ich mal beschloss, es mit Sport zu versuchen, trieb mich der Spruch „Was will denn der Klops hier?“ ganz schnell wieder in die Flucht. Irgendwann bin ich aus meinem „Babyspeck“ zwar rausgewachsen, aber solche Erfahrungen haben mich geprägt. Daher war die Angst davor, wieder gar zu sehr zuzulegen, lange Zeit meine Begleiterin. Wenn der Blick auf der Waage mir sagte „Alles noch im Lot“ war ich zufrieden. Allerdings gab es auch die andere Seite der Medaille: Ein paar Kilo mehr und ich geriet innerlich in Stress. Das war ein Teufelskreis, denn der Frust sorgte noch mehr für Heißhunger und der Verzicht ließ die Stimmung noch weiter absacken.

Dabei hätte sich vermutlich alles von alleine reguliert, wenn ich mich deshalb nicht verrückt gemacht hätte. So ist es bei mir immer. Ich habe meine Tiefs, in denen ich dann auch mehr Lust auf Süßes oder Fettiges habe, das gibt sich aber nach einer Weile und die angefutterten Pfunde verschwinden wieder. Insgesamt pendelt sich mein Gewicht meist im oberen Dritten des Normalbereichs ein und das schon seit Jahren. Warum also lasse ich mich von der Waage stressen? Das habe ich mich vor Kurzem auch gefragt und mich kurzerhand von ihr verabschiedet, zumindest fast. Ich habe sie nicht weggeworfen, aber sie staubt unter dem Bett im Gästezimmer ein. Dort ist sie gut aufgehoben. 

Viel wichtiger ist mir, auf mein Körpergefühl zu hören. Früher hätte mich ein Tag, an dem ich leckere, gesunde Energiespender gegessen habe, nur dann wirklich befriedigt, wenn die Waage beim nächsten Wiegen die erhoffte Zahl anzeigt. Heute achte viel mehr darauf, was das Essen mit mir und meinem Körper macht und freue mich, wenn ich mich dadurch fitter fühle. Bei der Bewegung ist es ähnlich. Sie ist nicht mehr nur ein Mittel zum Zweck der Gewichtskontrolle, sondern ich bewege mich, weil es gut für mich ist und ich spüre, dass es mir besser geht, wenn ich meine Freizeit aktiv gestalte, statt nur auf dem Sofa herumzulungern. 

Tschüss, Waage – eine kleine Anekdote

Ich kann nicht von mir behaupten, nach dem Verstauen der Waage nur noch super gesund und ausgewogen gegessen zu haben. Wenn ich Lust auf einen Burger oder Schokolade hatte, habe ich mir das gegönnt und so handhabe ich es immer noch. Was wegfiel, war also nicht die eine oder andere „Ernährungssünde“, sondern der Stress, der mit der vormaligen Selbstkontrolle verbunden war. Wie viel das ausmacht, merkte ich, als ich nach einer Weile vor dem Spiegel stand und mir auffiel, dass ein wenig von meinem Wohlstandsbäuchlein verschwunden war. Da wurde ich kurz rückfällig und habe die Waage unter dem Bett hervorgezogen. Eigentlich Quatsch, nicht einfach meinen Augen zu trauen, aber okay, ich bin nicht perfekt und darf auch mal in alte Verhaltensmuster zurückfallen … Jedenfalls stand da plötzlich eine 72 vor dem Komma.

Zuvor habe ich wirklich wochenlang versucht, an diesen Punkt zu gelangen und war jedes Mal frustriert, wenn auf der Digitalanzeige irgendwas mit 73,x stand. Bei ca. 73 Kilo liegt bei mir nämlich laut BMI die Obergrenze des Normalgewichts. Wobei ich es im Nachhinein nicht mehr sinnvoll finde, mich so auf eine Zahl zu versteifen und das nicht nur, weil es inzwischen Studien gibt, laut denen leichtes Übergewicht gar nicht so ungesund sein soll. Studien stehe ich allgemein skeptisch gegenüber. Zahlen inzwischen auch. Die wichtige Frage ist nicht, wie viel ich wiege, sondern wie ich mich fühle: fit und gesund oder schwerfällig und krank? 

Kaum hatte ich es nicht mehr darauf angelegt, an Gewicht zu verlieren, ging es also von ganz allein. Woran das liegt? Sehr wahrscheinlich an dem Stress, den ich mir dann nicht mehr gemacht habe. Meine seelische Verfassung und meine Ernährung beeinflussen einander nämlich in zweierlei Hinsicht: Zum einen kann ich durch gutes, gesundes Essen meine Stimmung zumindest etwas stabilisieren und pushen, zum anderen esse ich von ganz alleine gesünder, wenn ich mich mental wohl fühle. Den größten Gefallen tue ich mir also, wenn ich mich von Stressfaktoren verabschiede – und meine Waage und die damit verbundene Gewichtskontrolle war einer davon. 

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